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Foto googeln, Farbe mischen und los. Das Motiv in der Malerei.

Noch tief im analogen verwurzelt. Gerhard Richters Atlas als Archiv für den Maler. Private Fotos, Fotos von Bekannten und aus Illustrierten, Postkarten, Farbreste, Skizzen, Übermalungen …. eine kleinere Mappe reicht oft schon für die Inspiration.

Sieht aus wie echt. Nachahmer aufgepasst.

Die zeitgenössische Malerei wie wir sie kennen ist ohne die Fotografie nicht denkbar. Verwendet man dafür eigene Fotos als Motiv ist das auch nicht weiter problematisch. Bedient man sich aber aus dem Internet oder anderen öffentlich zugänglichen Bildquellen, sieht es da schon anders aus. Ein Beispiel, sie haben sich auf Techniken eine naturalistische Darstellung in der Malerei spezialisiert, als Motiv dient ihnen ein Bild aus einem Fotoband. Das Bild ist gemalt und ihre Freunde sind beeindruckt wie gut es die Stimmung Vorlage eingefangen hat. Also ab damit auf Instagram. Anwälte die sich auf Urheberrecht spezialisiert haben werden darauf aufmerksam und schon schnappt die Falle zu. Das kann teuer werden.

Das heißt nicht das man z.B. Vorlagen aus einem Fotoband nicht verwenden darf, nur hat der Gesetzgeber da die Bedingung einer „persönlichen geistigen Schöpfung“ vorangestellt. Der Gesetzgeber hat hier auf eine elegante Art, den Sinn der Nutzung fremder Vorlagen, mit der Frage nach dem künstlerischen Mehrwert verknüpft. In der Formulierung „persönliche geistige Schöpfung“ steckt natürlich viel Raum zur Spekulation und damit verdienen nicht nur Anwälte ihr Geld. Auch bei den Bildrechten gibt es eine Reihe von Ausnahmen, Bilder der Zeitgeschichte gehören dazu, trotzdem sollte jeder sich die Frage nach dem künstlerischen Wert eines bloßen abmalens stellen, ganz losgelöst von den rechtlichen Fragen.

Gerade Laien stecken viel zu viel Zeit und Geld in die Techniken und das Material ohne dass die schöpferischen Leistung im Umgang mit dem Motiv gleichberechtigt in die künstlerische Praxis mit einfließt. Dabei entstehen meist Bilder die ausserhalb des Freundeskreises kaum Beachtung finden. Was natürlich den Vorteil hat dass sich Anwälte auch nicht dafür interessieren werden. Der Atlas von Gerhard Richter ist nur ein Beispiel dafür das bei professionellen Künstlern oft genau anders herum ist. Es gibt in der zeitgenössischen Kunst natürlich auch noch andere Strategien im Umgang mit dem Foto, um dem Motiv eine neue und interessantere Wendung zu geben.

Oben rechts. Jonas Burgert und seine Malerei.
Offenbar hat er sich von Fotografien des indischen Holi Festivals inspirieren lassen.
Unten. Gregory Crewdson und seine Bilder. Fotografien wie gemalt.

Malerei 2.0. Digital ist besser.

Mit dem Einzug der Digitalisierung in den 1990er Jahren, dem copy und paste, sampling und anderen popkulturellen Verfahren, ist auch der Begriff der geistigen Schöpfung neu hinterfragt worden. Die Grenzen zwischen Eigen- und Fremdleistung sind mit der Digitalisierung unschärfer geworden. Neue Verfahren in der Bildbearbeitung haben auch Auswirkung auf Ästhetik und Motiv in der Malerei. So löste die Möglichkeit der digitalen Nachbearbeitung von Fotos einen regelrechten Boom in der Malerei aus. Neue Farb und Formwelten zogen eine ganze Künstlergeneration in ihren Bann und der ´digitalchic` wurde zu einem der Megatrends der Nullerjahre. Heute ist davon nur noch wenig zu spüren und die Malerei besinnt sich wieder mehr auf ihre eigene Geschichte.

Oben. Punks mit und ohne Photoshopfilter.
Unten. Daniel Richter ganz anolog vor seinem Bild.

Anlass und Auslöser. Durch den Körper zum Bild.

Spätestens seit Mitte der 1950er Jahre, hat sich mit dem abstrakten Expressionismus ein Paradigmenwechsel in der Malerei vollzogen. Die visuellen Aspekte traten mehr in den Hintergrund und die Dynamik der körperlichen Aktion geriet ins Zentrum der Betrachtung. Damals eine Revolution und bis heute nicht mehr aus der Malerei wegzudenken. Die Hinwendung zum eigenen Körper als primärer Ausdrucksform hat dadurch auch die Bedeutung der Vorlage relativiert. Musste sie in der realistischen Malerei noch bedeutsam oder zumindest interessant sein, verliert sie diese zentrale Bedeutung und ist jetzt nur noch ein Anlass unter vielen.

In der zeitgenössischen Kunst hat sich ein spielerisch undogmatischer Umgang mit den körperlichen wie auch den visuellen Aspekten der Malerei etabliert. Gestische Experimente werden mit naturalistischen Elementen kombiniert, wie auch eine scheinbar´körperlose´ realistische Malweise auf ein ungegenständliches Motiv treffen kann. Die Vorherrschaft von Motiv und Sujet ist gebrochen, das körperliche hat sich fest in die Malerei eingeschrieben und ist selbst zum Thema geworden. Das Foto als Vorlage ist Anlass und Referenz zugleich und kann je nach Auslegung mehr in Erscheinung treten oder auch völlig hinter den Malprozess zurücktreten.

Oben. Vorlage auf dem Tisch in Cecily Browns Atelier.
Unten. Das Foto ist hinter den Malprozess zurückgetreten.

Mehr Inspiration, bitte! Zerstört das Foto.

Die wohl eleganteste Art alle weiter oben genannten Probleme mit einem Schlag zu erledigen. Mit selbstgemachten Collagen, Skizzen, Übermalungen und anderen Verfahren eine Fotovorlage zu dekonstruieren ist man immer auf der richtigen Seite. Ich kann immer wieder beobachten, wie schnell die Motivation durch eine Fotovorlage nach kurzer Zeit steil nach unten abfällt. Hilflos wird mit dem Pinsel weiter gemalt ohne zu bemerken das die innere Leere längst auch die Leinwand erreicht hat. Die Vorlage ist zwar Anlass aber kein Auslöser für den kreativen Prozess den sie inspirieren sollte.

Was ist da passiert? In den allermeisten Fällen liegt das Problem darin das sich zwischen dem MalerIn und dem Motiv keine echte Beziehung aufgebaut hat. Man brauchte halt ein Bild. Ein Foto das man irgendwie interessant fand, kann wenn man es genauer betrachtet, und das über Stunden, ziemlich öde sein. Das ist auch kein Problem, wenn man sich wie vorher beschrieben, umso intensiver auf den Prozess des malens einlässt und das Motiv einfach hinter sich lässt. Wenn man aber Probleme grundsätzlicher Art klären will, z.B. in der Komposition oder im Aufbau abstrakterer Elemente im Bild, kann das schnell zäh und quälend werden.

Ganz anders wenn ich mit der Bearbeitung meiner Vorlage schon einen kreativen Prozess mit dem Bild begonnen habe. Abgesehen davon das ich viel unbefangener mit der Vorlage experimentieren kann, als dies auf der Leinwand möglich ist, baue ich eine Beziehung zu dem Bild auf die sehr viel spielerischer und lustvoller ist, als es mir auf der Leinwand möglich wäre. Vorausgesetzt ich arbeite mit realen Dingen die ich zerreissen wieder zusammenfügen und über die ich meinen Kaffee schütten kann. Da ist er wieder der körperliche Aspekt der alle Sinne mit einbezieht. Dabei können sehr viel unkonventionellere Kompositions- und Bildideen entstehen als das sie sich es auf der Leinwand trauen würden.

Ähnliches kann ich auch erreichen indem ich meine Fotovorlage vor dem malen erst einmal abzeichne. Hier wird sich schnell heraustellen ob ich lustlos herumkritzel oder mich die Vorlage herausfordert. Die Stellen an denen nichts passiert werden beim malen genauso problematisch sein, also weg damit oder was neues rein. Genauso kann es passieren das zwar etwas sehr reizvoll finde, wie ein Gesicht, aber merke das ich beim zeichnen kaum Anhaltspunkte für die Linie oder Licht und Schatten finde. Jetzt kann ich schnell reagieren und mir eine Vorlage für das Gesicht suchen die mir mehr Informationen bietet. All das kann ich natürlich auch miteinander kombinieren und damit eine wirklich produktive Vorlage schaffen die mich auch für eine lange Zeit inspirieren wird.

Oben. Adrian Ghenie hat sich als Vorlage für die Collage entschieden.
Unten. Ghenie ist in Rumänien geboren.
Sein Gemälde zeigt das Ehepaar Ceausescu,
kurz vor ihrer Erschießung.

Gerade bei dem Studium der Malerei, kann ich nur empfehlen möglichst kreativ mit den Möglichkeiten die das Foto als Vorlage bietet umzugehen. Umso mehr ich dem Foto körperlich zu Leibe rücke, desto sinnlicher kann ich auch in den Prozess des Malens einsteigen. Mit rein visuellen Medien wie Photoshop ist das nicht zu erreichen, es sei denn ich setze wie Daniel Richter auf den Überraschungseffekt einer neuen Technologie, und das die Menschen den Fotofilter noch nicht kennen. Wenn ich eigene Fotos verwende oder Fotos die in mir eine eine starke emotionale Bindung erzeugen oder mich einfach auf eine ander Art forschend interessieren, ist das natürlich auch eine Möglichkeit, wie ich an dem Beispiel Gerhard Richters Atlas aufzuzeigen versuchte. Für die Malererei die den Prozess des malens selbst in den Mittelpunkt stellt sei hier nur Cecily Brown als ein Beispiel von vielen genannt. Man muss sich nicht auf eine Position festlegen, und sollte das auch nicht, aber die Wichtigkeit die eine motivierende Vorlage auf den späteren Prozess des Malens hat auf keinen Fall unterschätzen.